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Szene

Joschka Jagger. Warum die Musik tot ist.

Prominente doublen eine Rede von Präsidentschaftsbewerber Barack Obama. Das Video will.i.ams von den Black Eyed Peas, in dem er ein paar Dutzende Musiker und Schauspieler zusammengebracht hat, könnte als politische Botschaft durchgehen. Könnte. Wenn nicht, ach, wenn es nicht einfach nur wieder ein Ausverkauf wäre. Der Ausverkauf der Musik - 30 Jahre lang hat er nun gedauert. Und nun das. Ein Song für einen Präsidentschaftskandidatenbewerber. Das ist nicht politisch. Das ist systemkonform. Nachdem ja bereits an anderer Stelle über das Ende der USA nachgedacht wurde, noch ein weiterer Gedanke dazu von mir.

Viel wird diskutiert über die Krise der Musikindustrie. Man muss sich nichts vormachen - das Ende der Musikindustrie hat seine Wurzeln nicht im Jahr 1998 mit der Gründung von Napster. Das Ende Musikindustrie begann bereits Anfang der Achtziger Jahre, als aus Musik Entertainment wurde und lediglich die Einführung der CD die inhatliche Krise noch einmal überdecken konnte. Das Ende der Geschichte beginnt mit der Entstehung einer Wirtschaft, die begreift, wie man Künstler vermarkten kann. Mit Künstlern die verstehen, wie man verkauft werden kann. Und mit Konsumenten, die Kunst nicht mehr als Ausdruck von gesellschaftlichen und politischen Zusammenhängen wahrnehmen, sondern als Fahrstuhlunterhaltung und Seelenmassage.
Als die U-Musik noch in den Kinderschuhen steckte, war sie nicht Teil einer Mainstreamkultur. Sie stand daneben und provozierte diese. Doch mit der Entpolitisierung der Gesellschaft wurde auch die Musik erwachsen, massenkompatibler, abhängiger, erfolgreicher - und banaler. Ich mache keinem einen Vorwurf. Den Plattenfirmen nicht, den Musikern nicht, den Medien nicht. Was passierte, war ein gesellschaftliches Phänomen. Die Beteiligten setzten nur die Bedürfnisse um. Das kann man schlecht finden. Aber unumkehrbar bleibt es.

Es gibt noch nicht mal eine Lösung. Plötzlich politische Protestsongs gegen AKW schreiben? Lächerlich. Freie Liebe proklamieren? Überholt. In Woodstock sich nackt durch den Schlamm wälzen? Wer braucht denn so was? Heute vergnügt man sich bei hoch- bis überproduzierten High-Tech-Shows (von U2 bis Christina Aguilera), ergötzt sich an einigen verblieben extravaganten Freaks (von Daniel Kübelböck bis Robbie Williams) und feiert die, die zur ersten oder zweiten Generation noch dazugehörten (von The Police bis Led Zeppelin). Dadurch ist Musik zwar teilweise erfolgreich, bemerkenswert wird sie aber nicht. Vielmehr muss sich damit abfinden, dass sie ein Unterhaltungselement neben vielen ist. Playstation und DVDs sind heute genauso relevant, wie die einstige Speerspitze einer neuen Jugendkultur. Das ist für den einen oder anderen bedauernswert. Aber den Großteil der Menschen kümmert es nicht.

Was bleibt? Plattenfirmen können nicht PLATTENfirmen bleiben. Wenn sie überleben wollen, müssen sie sich diesem Zeitgeist anpassen. Das klingt unemotional und ist es auch. Plattenfirmen müssen endlich das werden, was sie schon längst sind: reine Entertainmentfirmen. In diesen werden keine schrulligen Altrocker Kohle für »fruits and flower« aus dem Fenster werfen. Aber (manchmal fähige und manchmal unfähige) MBA-Absolventen werden mit Blick auf Investoreninteressen Umstrukturierungen vornehmen, die aus einer subjektiven Chaosindustrie eine annährend objektive Unterhaltungsmaschinerie basteln werden. Eine Plattenfirma, die noch agieren will wie Anfang der 90er kann es nicht mehr geben. Das mag für viele unsexy klingen (die können dann ein subversives Nischen-Label aufmachen). Und eine neue gesellschaftsrelevante Kultur wird dadurch auch nicht unbedingt entstehen. Aber, wie es auch in der Politik heißt: ein Volk bekommt immer die Regierung, die es verdient hat. Voilá. Ein Volk bekommt auch immer die Musik, die es verdient hat.

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