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Gerd Leonhard schreibt »Future Stories«. Heute: Blogs.

Der Medienfuturist Gerd Leonhard, schon immer bekannt für quer gedachte Einwürfe, hat den ersten Eintrag einer neuen Reihe namens »Future Stories« veröffentlicht. Titel und These des Beitrags: »Blogs will be Record Labels, and Bloggers will be the new Music Moguls.« Darin entfaltet er die Idee, dass Blogs künftig (und damit meint er die nächsten 1,5 Jahre) die Führung in der Musikwelt vornehmen werden. Hier ein paar Auszüge:

    »Within 2 years, the leading music blogs will become what used to be called ‘Record Labels’. […] BlogJs will attract an influential, engaged and proactive audience by flouting their charismatic personalities […] Another 9-12 months and we will have the the first BlogJ signing the first hot new artist to a agency-type agreement. […] Those former MP3 pirates and stream-rippers are the new Clive Davis’s and Ahmet Erteguns - they have the ears for the new artists and a direct pipeline (read: feed) to perfectly matched audiences, around the globe. […] In less than 2 years from now, ubiquitous and fully legal yet ‘feels like free’ music offerings will bring us music bloggers that will become bigger than the biggest radio DJs we’ve ever had.«

In einer Branche, in der man oft den Eindruck hat, dass Neues weder gedacht und erst recht nicht probiert wird, ist solch eine gedankliche Frischzellenkur begrüßenswert. Der Ansatz über Blogs erscheint nachvollziehbar und ich teile die Einschätzung, dass hier in den nächsten Jahren viel passieren wird.

Das Ganze ist also spannend, weil Leonhard offensichtlich in der Technikwelt zuhause ist und auch kleinste Trends kennt. Das Ganze ist darüber hinaus auch riskant, weil Leonhard sehr konkrete Zahlen nennt. Und das Ganze ist teilweise auch zu hinterfragen, gerade deshalb, weil Leonhard keinerlei Statistiken als Grundlagen heranzieht (diese zumindest nicht nennt). Ich wäre beispielsweise wesentlich zurückhaltender was die Durchsetzung von RSS-Feeds angeht:

    »The future brings 1000s of micro-music-channels that will literally broadcast - or rather, ‘narrow-cast’ their longtailing creations - be it text, audio, images or videos - to their hungry subscribers using MediaRSS feeds«

Ich bin ein große Fan von RSS feeds und halte das für eine richtig geniale Erfindung. Aber damit bin ich (und Leonhard vermutlich auch) eine Minderheit: lediglich 2 Prozent aller Internet-Nutzer griffen 2007 auf diesen Dienst zurück.

Auch ist mir klar, dass Web2.0-Angebote derzeit The Shit sind, aber im Ernst: mächtiger als TV? Never. Netzwerke wie Facebook mögen ja Millionen von User haben. Aber prozentual sind ‘nur’ 15% aller Onliner in Netzwerken aktiv.

Auch Blogs, und damit ein Kernstück der These, werden »nur« von 11% aller User genutzt. Natürlich ist mir klar, dass die Wirkung von Blogs deutlich höher ist, weil Journalisten diese auch lesen blablabla. Aber ich halte die von Leonhard angeführte Musik Flatrates als Auslöser für die Blog-wird-Label-Entwicklung als zu schwach, um wirklich in diesem Zeitraum eine solche Wirkungsexplosion zu erzielen.

Kurz: der Mainstream (und um den muss ja schon gehen, wenn man Clive Davis werden möchte) weilt derzeit noch durchaus bei den alten Medien. Das heißt nicht, dass das so bleiben wird. Aber 18 Monate als Zeitraum für solch grundlegenden Umwälzungen erscheint mir etwas zu utopisch.
Ich glaube eher, dass die Very-Early-Adopters zu Über-Multiplikatoren werden, die diese Blogs betreiben (um in Leonhards Sprache zu bleiben: BlogJs). Und dann gibt es Early-Adopters/Multiplikatoren, die durchaus auf diese Angebote zugreifen und weiterreichen. Und erst dann kommt der »Rest«, der noch in einem eher traditionellen Medienverhalten verhaftet ist. Bis die Utopie so eintreten wird, werden noch mehrere Jahre ins virtuelle Land ziehen….

Und schließlich: lesen sollte man den Beitrag auf jeden Fall.

Alle Zahlen aus: Christoph Gscheidle und Martin Fisch: Onliner 2007. Das »Mitmach-Netz« im Breitbandzeitalter. Berlin 2007.

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